Woche 4: Payday, Soweto und Kultur

Woche 4: Payday, Soweto und Kultur

Nun sind wir inzwischen schon in unserer 4. Woche angekommen und so langsam merkt man, dass auf gewisse Weise, „Alltag“ eingekehrt ist. Aber irgendwie werden die 12 Stunden Schichten auch immer anstrengender, je länger wir hier sind 😀 mag aber auch wie gesagt daran liegen, dass wir die ganze Zeit nur Nachtdienste machen. Also wie könnte es anders sein: Montag war wieder Nachtdienst angesagt. Der Resus war relativ voll und es waren auch ein paar spannende Fälle dabei: ein junges Mädchen hatte z.B. Eine Kugel in der Leber stecken. Da sie aber keine weiteren Beschwerden hatte und auch keine freie Flüssigkeit im Bauch, blieb die Kugel drin und sie sollte dann nach einem kurzen Aufenthalt auf Station entlassen werden, mit Kugel versteht sich. Ein anderer Patient hatte von einer Kugel direkt drei Verletzungen in den Beinen (einen Durchschuss und einen Streifschuss). Da in der Schussbahn aber keine wichtigen Gefäße lagen, wurde er verbunden und direkt nach Hause geschickt, warum auch nicht!? An dieser Stelle noch einmal die Info, warum Schusswunden nicht genäht werden: es handelt sich bei dem Hochgeschwindigkeitsgeschoss um eine „blast“, also explosionsartige, Verletzung; diese kann u.a. Nekrosen (abgestorbenes Gewebe) hervorrufen, die auch nicht immer sofort ersichtlich sind. Und dieses abgestorbene Gewebe will man nicht unter einer Naht eingraben.

Dienstag haben wir dann wieder länger geschlafen, ein wenig Sport gemacht und sind mit Alex und Basti, unseren zwei deutschen Mitbewohnern zu Duke‘s Burger zum Abendessen gefahren. Wir saßen draußen in einem richtig hübschen Hinterhof und das Essen war auch sehr lecker. Nachdem wir bezahlt hatten, wurden wir aber sowohl von der Kellnerin als auch vom wahrscheinlich Manager angesprochen, ob wir denn nicht zufrieden waren mit dem Essen und ob sie noch was verbessern könnten. Nachdem wir erstmal ein Fragezeichen auf unseren Gesichtern hatten, stellte sich dann heraus, dass wir anscheinend beim Runden, wohl kurz unter 10% Trinkgeld gegeben hatten. Das tat uns dann wirklich etwas Leid und das passiert uns wahrscheinlich nicht wieder. Skurril war es aber dennoch 😀 zurück zu Hause haben wir dann noch ein paar Runden Doppelkopf gespielt. Die Norweger waren da auch mit von der Partie und es war noch ein sehr schöner Ausklang des Abends.

Mittwoch hatten wir dann erstmal nach unserer kurzen Sporteinheit vom Vortag Muskelkater. Da versucht man mal etwas sportlich aktiv zu sein und wird dann damit belohnt. Na ja, oder vll ist es ein Zeichen dafür, dass man doch etwas mehr Sport treiben sollte.. wie dem auch sei stand am Mittwoch dann die Soweto Bike Tour an. Wir fuhren also zu viert mit dem Auto nach Soweto (nur unmittelbar weiter als bis zum Krankenhaus). Die Tour startete von einem Backpacker Hostel aus und wir waren eine Gruppe von so 12 Leuten. Unser Guide kam selber aus Soweto und hatte unglaublich viel zu erzählen, was teilweise etwas konfus und überwältigend war, andererseits aber auch sehr spannend: Soweto (South Western Townships) ist mit 1,2 Mio Einwohnern riesig und besteht aus vielen einzelnen Bezirken, die wir natürlich nicht alle durchfahren konnten. Ein Großteil von Soweto ist gar nicht so, wie man sich ihn vll vorstellt: vernünftige Straßen werden von gemauerten Häusern gesäumt, vor denen ein oder mehrere Autos parken. Na klar sieht man, dass hier nicht jede Menge Geld steckt, aber den Menschen dort scheint es zumindest einigermaßen gut zu gehen. Weiter ging es dann aber in ein Gebiet, in dem viele Minenarbeiter auf engstem Raum gewohnt haben. Nachdem um 1886 Gold in Johannesburg entdeckt wurde, strömten Massen an Menschen in die Stadt, um ihr Glück zu finden. In diesem Rahmen und dann vor allem später ab den 1930er entstanden (auch im Sinne der Rassentrennung) die Townships/ Minenunterkümfte. Hier gab es keine geteerten Straßen, also gut, dass wir mit Mountainbikes unterwegs waren. Und überall draußen waren Menschen, die scheinbar nicht zur Schule gingen oder Arbeit hatten, sodass sie sich eben vor ihren Wohnräumen aufgehalten haben. Auch wenn immer wieder durch unseren einheimischen Guide betont wurde, dass wir ja Soweto kennenlernen, um als Botschafter dafür zu werben und um mit Vorurteilen Schluss zu machen, fühlte es sich doch etwas merkwürdig an, als Tourist, durch eine Gegend zu radeln und zu laufen, in dem die Menschen wenig Besitz haben. Weiter ging es noch vorbei ja Nelson Mandelas und Desmond Tutus Häusern, sowie am Hector Pieterson Memorial/Museum, dass an den Anti-Apartheid Protest gedenkt, bei dem 1976 170 Schüler gestorben sind.
Wieder zurück beim Hostel gab es noch ein leckeres Mittagessen und wir waren froh endlich der heißen Sonne etwas zu entkommen. 4 Stunden Radtour bei über 30 Grad haben selbst unserem Guide etwas zu schaffen gemacht. Um der wohnt hier 😀 Alles in allem war es schon ganz interessant, alles einmal zu sehen und vor allem etwas von der Geschichte Johannesburgs mit gewissen Orten in Verbindung zu setzen. Skurril war die Durchfahrt durch die ehemalige Minenunterkunft dennoch. Trotzdem lohnt es sich das einmal zu machen, wenn man sich längere Zeit hier und vor allem auch im Bara, was man zwischendurch in der Ferne erspähen konnte, aufhält. Sicher war die Tour natürlich auch 🙂
Danach sind wir dann nochmal mit dem Auto Richtung City Center gefahren. Ein Bereich der Stadt, der recht umstritten ist. An der Grenze zu Hillbrow gelegen sind die Straßen hier gesäumt von Hochhäusern und es sind viele Menschen unterwegs (so gut wie keine Weißen). In der Gegend gibt es aber auch viel Umbruch und nicht weit entfernt liegt auch das künstlerisch angehauchte Gebiet „Maboneng“. Je nachdem wen man fragt, bekommt man entweder zu hören, dass man dort am besten gar nicht hinfahren sollte (oder nur mit einem Einheimischen) oder, dass es eine sehr interessante Gegend ist und es viel zu entdecken gibt. Wir sind mit dem Auto auch direkt ins Parkhaus des Carlton Centers gefahren, das größte Gebäude der Stadt, um vom Top of Africa (der obersten Etage) einen Blick über die Stadt zu erhaschen. Das hat sich dann auch wirklich gelohnt, da man für umgerechnet 2€ weit gucken konnte.
Von dort ging es dann wieder nach Hause zu einer weiteren gemütlichen Runde Wein und Doppelkopf.

Am Donnerstag wurden wir in unserer Einfahrt mit Lärm von einem kleinen Laster begrüßt, von dem aus ein Bohrloch 60m in die Tiefe gebohrt wurde. Glücklicherweise mussten wir vormittags nicht mehr schlafen, die Rückkehrer vom Nachtdienst hatten da etwas weniger Glück und konnten bei dem Radau nicht wirklich zur Ruhe kommen. Wir machten uns dann auf zum Apartheidmuseum. Jetzt, wo die verbleibende Zeit immer weiter schwindet, wollten wir zumindest ein paar kulturelle und historische Erlebnisse in Johannesburg noch „mitnehmen“. Von anderen Museumsgängern wussten wir schon, dass man hier Stunden bis Tage verbringen kann. Als wir da waren konnten wir das nur bestätigen. Es gibt unglaublich viel zu lesen und anzuschauen, was man bei weitem in einem Besuch nicht schafft. Trotzdem liefert das Museum einige interessante Eindrücke und man lernt nochmal eine Menge über die Geschichte Südafrikas und Johannesburgs. Erschöpft machten wir uns nach über 3,5 Stunden auf den Rückweg. Nachdem wir den Parkplatz verlassen hatten, überholte uns ein Auto, dass zuvor schon die ganze Zeit Hupe und Lichthupe gemacht hatte. Es stieg ein junger Mann in „Security“-Kleidung aus und meinte, wir sollen noch fürs Parken bezahlen, weil wir einen Mietwagen hatten. Kurz etwas irritiert meinten wir dann nur, er könne uns ja auf die nächste Polizeiwache folgen und da klären wir das. Nach einem kurzen „ok ok“, setzte er sich wieder in sein Auto und drehte bei nächster Gelegenheit um. Schöne Touristenfalle. Da wir vor unserem Museumsbesuch noch gewarnt worden waren, dass sowas passieren könne, waren wir zum Glück nicht ganz so irritiert, wie wir es sonst vll gewesen wäre..
Abends ging es dann nochmal nach Parkhurst zu Hudson‘s Burger, wo wir mit ein paar Leuten Basti gebührend verabschiedet haben, der am nächsten Tag nach Hause geflogen ist. Auch wenn es tierisch laut war, war es doch sehr gemütlich und vor allem der Nachtisch „Chocolate Brownie Milkshake“ war riesig! Danach Sindhis noch zu viert wieder ins Jolly Roger gegangen, um ein Bierchen zu trinken. Nach einem gelungenen Abend ging es wieder heim.

Am Freitag ging es nach einer Abkühlung im Pool wieder zu dem niedlichen Café/Restaurant/Gärtnerei „Under the trees“, wo wir einfach bei bestem Wetter ein leckeres Mittagessen genießen konnten. Zu Hause gab es dann noch eine Abschiedsrunde Doppelkopf, bevor es für uns wieder zum Nachtdienst ging. Die kurze Entspannungsphase zwischen den Diensten war wirklich schön, so konnte man ein paar Sachen unternehmen. Hat sich aber eigentlich auch nur so ergeben, weil so viele Leute für die Schichten eingetragen waren.. Der Freitagnachtdienst sollte nun eigentlich sehr arbeitsreich werden, da sowohl „Payday“ (ein Großteil der Bevölkerung wird bezahlt), als auch Black Friday (und deswegen viele Bars zum halben Preis verkaufen) war. Im Krankenhaus angekommen, stellten wir aber erstmal fest, dass wir mit den unterschiedlichen Gruppen wieder sehr viele Leute waren.. Und das Patientenaufkommen war auch noch nicht besonders hoch. Los ging es für uns mit einem Patienten im Pit, der sage und schreibe 9 Stichwunden am Kopf, 2 am Hals und eine im Gesicht hatte. Da hat das Nähen dann doch ein Weilchen gedauert. Ein anderer Fall, der zum Nähen noch ganz interessant war, war ein etwa 15 cm langer, etwas tieferer weit aufgespreizter Schnitt an der Schulter, der in 2 Schichten genäht werden musste, damit die beiden Seiten gut adaptiert waren. Das Resultat sah dann wirklich ganz gut aus. Kurz vor Ende der Schicht kamen dann nochmal eine Menge Patienten, sodass das Pit gut gefüllt war, als es für uns nach Hause ging. Die erwarteten Massen an Patienten blieben aber irgendwie aus. Aber das ist ja auch was Gutes 🙂

Samstag ging es dann wieder zum Nachtdienst und wir wurden direkt wieder mit Wunden zum Nähen empfangen. Dann standen noch ein paar CT Fahrten mit beatmeten Resus Patienten an (bei denen eigentlich ein Arzt dabei sein sollte, was aber wegen des Arbeitsaufkommens meist nicht funktioniert). Also machten wir uns zu dritt mit Patient und Sedierung in der Hand auf den Weg. Ein wenig mulmig war uns schon, aber es war alles recht problemlos. Nachdem man hier und da noch einige Patienten versorgt hat, hab ich nochmal die Möglichkeit gehabt, eine Thoraxdrainage zu legen. Auch das gestaltete sich bei einem etwas korpulenteren Patienten mit Emphysem etwas schwierig, aber mit Hilfe lag die Drainage schließlich. Alles in allem war auch dieser Dienst weniger stressig als erwartet.

Am Sonntag haben wir dann geschlafen und unsere Reise an die Küste über Weihnachten weiter geplant.

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